seelenloser beton im sozialen mäntelchen

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Die Leonhard-Kapelle aus dem 12. Jahrhundert gilt (nach dem Dom) als zweitälteste Kirche Braunschweigs. Sie war einst der Mittelpunkt der Lepra-Siedlung vor den Mauern der Stadt.

Wenn in unseren Städten neu gebaut wird, dann ist das ja erst einmal erfreulich. Beim näheren Hinsehen auf das, was da als städtebauliche und architektonische, zudem sozialverträgliche Wohltat für die Bürger angepriesen wird, stellen sich nicht selten aber doch Zweifel ein. In Braunschweig soll zurzeit im Schnellverfahren – neben anderen umfangreichen Bauvorhaben im Wohnungsbau – ein besonderes Bau-Märchen Wirklichkeit werden (oder wird es uns „aufgetischt“?). Es geht um die Neugestaltung eines der ältesten Quartiere der Stadt Heinrichs des Löwen: das seit Jahrzehnten verfallende , aber unter Denkmalschutz stehende St. Leonhardviertel aus dem 12. Jahrhundert.
kapelle-3102_1_0_tonemapped-2Braunschweig ist schön – keine Frage. Dazu muss amn nicht einmal die fünf städtebaulichen „Traditionsinseln“ bemühen. So werden die zum großen Teil liebevoll, wenn auch historisch nicht immer korrekten Plätze und Viertel vom Burgplatz über das Aegidien-Viertel bis hin zu Kohlmarkt, Altstadtmarkt und Magni-Viertel genannt, die an die Zeit vor der fast totalen Zerstörung des historisch gewachsenen „Bruneswyk“ im Zweiten Weltkrieg erinnern.

Braunschweig ist allerdings auch eine Stadt der Bausünden. Das jüngste abschreckende Beispiel dürften die Pläne für die Bebauung eines der ältesten Viertel der zweitgrößten Stadt Niedersachsens sein: Das Quartier St. Leonhard.

Ein Lokaljournalist – allzeit bereit, den heutigen Großkopfeten der früheren Hauptstadt des Landes Braunschweig gefällig zu sein – schwärmte in der örtlichen Tageszeitung bereits davon, die warum auch immer seit Jahrzehnten dem Verfall preisgegebenen denkmalgeschützten Gebäude würden durch die Neubauten „aus einem Dornröschenschlaf“ erweckt. Mit derbei den Brüdern Grimm entlehnten Schwärmerei soll sich auch der Oberbürgermeister von Braunschweig, der Sozialdemokrat Ulrich Markurth für das bislang auf 36 Millionen Euro teure Großprojekt stark gemacht haben.

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Welcher edle Ritter bei der von Hofberichterstatter und Oberbürgermeister vollmundig angekündigten sagenhaften Heldentat welche Prinzessin knutschend zu neuem höfischen Leben aus hundertjährigem komatösen Tiefschlaf wecken will – damit rückten weder  der Zeitungsschreiber noch der smarte Frontman in Rat und Verwaltung vorläufig nicht heraus.

Finanziert werden soll das Projekt von einer Firma und einer Stiftung, die in Braunschweig in vielerlei Hinsicht prägend ist:  Borek Immobilien und die Richard Borek Stiftung.

Letztere kassierte von OB Markurth bei der fast eine Seite füllende redaktionelle Imagwerbung  für das Großprojekt schon mal Vorschusslorbeeren: Er lobte die Stiftung, „weil sie mit ihrem Projekt auf Rendite verzichte“.

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Dem aus dem Sozialmanagment stammenden Politiker dürfte allerdings bekannt sein, dass Stiftungen bekanntlich keine Gewinne erzielen dürfen – und über das mit einiger Wahrscheinlichkeit lohnende Geschäft für die Firma Borek Immobilien verliert er vorsichtshalber kein Wort.

In ersten Veröffentlichungen zu den Planungen des neuen St. Leonhard-Quartiers war immer wieder betont worden, es würde eine Mischung aus gehobenem Wohnbedarf und bezahlbaren Mietwohnungen für sozial Benachteiligte entstehen. Was ist von diesen vagen Versprechungen geblieben?

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Mieter sollen die Richard Borek Stiftung, die Evangelische Stiftung Neuerkerode sowie das Christliche Jugendwerk Deutschland (CJD) sein. Nach dem jetzt vorgelegten Konzept soll unter anderem ein ambulantes Sucht- und Rehazentrum mit Tagesklinik für Alkohol- und Spielsüchtige geben; außerdem, ebenfalls von der Evangelischen Stiftung Neuerkerode betrieben, 48 Plätze für die ambulante Tagespflege psychosomatisch erkrankter Menschen und eine von der Diakonie betriebene ambulante Pflegestation. Wohnen sollen in den Neubauten zudem 50 Menschen mit geistiger Behinderung.

So weit, so gut. Berücksichtigen sollte man allerdings auch bei aller Freude über dieses grundsätzlich begrüßenswerte Angebot einen bundesweit hart umkämpften Markt bedient, bei dem es um Milliarden geht.

Überhaukapelle-3111_10_09_tonemapped-2pt scheint eher hinterfragenswert, ob es bei den Plänen tatsächlich um das in dem Lokalblatt von den Investoren versprochene „bundesweit einzigartige integrative und inklusive Stadtviertel für Schüler, Senioren und Menschen mit Behinderungen geht“ – oder doch wieder vor allem und unterm Strich lohnende Geschäft.

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Schlagworte wie „inklusiv, interkulturell“ oder „intergenerativ“, die der Geschäftsführer der Borek-Stiftung, Bernd Assert, bemüht und damit suggeriert, bei dem Bauvorhaben gehe es vorrangig darum, „das Wachstum sozialen Kapitals zu fördern“ könnten sich bei näherem Hinschauen schnell als gefällige, aber ziemlich leere Worthülsen erweisen. Und wenn man in der Zeitung liest, wie die rührige Leiterin des Braunschweiger Christlichen Jugenddorfwerks Deutschland (CJD), Ursula Hellert, die maßgeblich an der Entwicklung des Projekts beteiligt mit dem Ziel, Platz für ein von dem CJD betriebenen elitären.reitstall_ruine-3034_5_6_tonemapped-2

Für Normalverdiener kaum bezahlbaren Internats zu schaffen, das Bauvorhaben idealisiert und zur Idylle mit Tante-Emma-Laden und Innenhof  rund um alte Kastanien einlädt, dann macht das hellhörig.

Zu sehen sind auf den jetzt der Öffentlichkeit vorgestellten Entwurfszeichnungen eher gesichts- und seelenlose Betonblöcke, die irgendwie an frühere Bausünden der deutschen Geschichte wie die berühmt-berüchtigte Stalin-Allee erinnern.

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Die (bewusst?) vernachlässigten und verfallenden Bauruinen auf dem Gelände sind – bis auf die St. Leonhard-Kapelle -alles andere als ein Braunschweiger Schmuckstück. Die Chance, Altes und Neues kreativ zu verbinden, wurde vertan. Was jetzt dort entstehen soll, ist lediglich ein weiterer Punkt auf der langen Liste der Braunschweiger Bausünden.

Jos van Aken

Sechs Geschosse, aber nach Ansicht der Befürworter des Projekts „weniger wuchtig“: Der jetzt vorgestellte Entwurf hat den Charme der Bausünden der 1950er Jahre: Die Stalin-Allee läßt grüßen …

Die folgenden Fotografien von mir entstanden am „Tag des offenen Denkmals 2016“ am 11. September 2016

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